Herzberg’s Wort – Wenn ein simples Zeichen Leben schützt

Ende des vergangenen Jahres berichteten Medien über einen Fall aus Wien, der in seiner Einfachheit und Wirkung bemerkenswert ist. Ein sechsjähriges Mädchen verhinderte eine mögliche Entführung – nicht durch Kraft, nicht durch Lautstärke, sondern durch Wissen. Bei einer Verkehrskontrolle prüften Polizisten ein Fahrzeug, in dem ein Mann, eine Frau und zwei Kinder saßen. Auf der Rückbank zeigte das Mädchen unauffällig das internationale Not- und Hilfezeichen: eine offene Hand, der Daumen wird eingeklappt, die Finger schließen sich darüber. Dieses stille SOS ließ die Beamten genauer hinschauen. Es stellte sich heraus, dass ein bewaffneter Mann die Familie zuvor gezwungen hatte, ins Auto zu steigen. Der Täter wurde festgenommen, Schlimmeres verhindert.

 

Diese Szene macht eines klar: Tausendmal brauchst du´s nicht, aber dieses eine Mal, wenn es darauf ankommt, ist es vielleicht sogar überlebenswichtig. Genau deshalb ist Sicherheitswissen so entscheidend – nicht als Angstmacher, sondern als stille Ressource im Hintergrund. Etwas, das man hofft nie zu brauchen, das aber im Ernstfall abrufbar sein muss. Wie der Sicherheitsgurt oder der Fahrradhelm - im entscheidenden Moment lebenswichtig.

 

Selbstverteidigung wird häufig mit Kampf, Kraft und Eskalation gleichgesetzt. Mit Techniken, die erst dann greifen, wenn es bereits brenzlig geworden ist. Doch wer Selbstverteidigung so versteht, setzt zu spät an. Der Kern liegt nicht im Kämpfen, sondern im Zuvorkommen, im Vermeiden. Einen zeitlosen Satz fand der chinesische Stratege Sun Tzu „Ein nicht geführter Kampf ist ein gewonnener Kampf". Sein sinngemäßes Prinzip: der größte Sieg ist der, der ohne Kampf errungen wird. Ein Ansatz, der das Prinzip der Selbstverteidigung durchleuchtet. Es geht nicht um Angriff, sondern um Überlegenheit durch Vorbereitung, Wahrnehmung und kluge Entscheidungen. Wahre Stärke zeigt sich nicht im Durchsetzen mit Gewalt, sondern darin, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Prävention ist damit die höchste Form der Selbstverteidigung.

 

Das Konzept der Selbstverteidigung lässt sich sinnvoll in drei Phasen gliedern: Prävention, Deeskalation und Eskalation.

 

Phase 1: Prävention ist aktive Vorbereitung. Sie beginnt im Kopf – mit der Entscheidung, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wer präventiv denkt, schafft klare Verhältnisse, lernt dazu und macht es anwendbar. Dazu gehören vor allem die Selbsterkenntnis, das Verhalten in typischen Gefahrensituationen und einfache Mittel wie Not- und Hilfezeichen. Ebenso wichtig ist das Vertrauen in das eigene Bauchgefühl – und dem Mut, ihm zu folgen. Richtig verstandene Selbstverteidigung ist in dieser Phase nahezu unsichtbar. Doch sie wirkt. Haltung, Gang, Blick und Präsenz verändern sich. Man wirkt selbstbewusster, klarer, weniger angreifbar. Viele Konfliktsituationen lassen sich allein durch die eigene Haltung präventiv vorbeugen.

 

Phase 2: Deeskalation - wenn die Stimmung kippt. Nicht jede Gefahr ist sofort offensichtlich. Situationen können sich langsam zuspitzen oder aus dem Nichts einfach passieren. Deeskalation bedeutet, so früh wie möglich gegenzusteuern: Abstand schaffen, Menschen einbeziehen, ruhig und klar kommunizieren, Situationen bewusst lenken. Ziel ist es, Spannung herauszunehmen und sich selbst Handlungsspielräume zu schaffen. Deeskalation ist kein Nachgeben, sondern Ausdruck innerer Stabilität und Kontrolle. Hier zeigt sich der Wert von fortlaufender Übung besonders deutlich. Nicht im Kämpfen, sondern im Schnell-die-richtigen-Entscheidungen treffen. Wer vorbereitet ist, behält eher einen klaren Kopf, macht weniger Fehler.

 

Phase 3: Eskalation ist immer die letzte Option. Wenn Prävention und Deeskalation nicht greifen, geht es um Selbstschutz. Kurz, entschlossen, zielgerichtet. Nicht um zu siegen, sondern um die Situation sicher und wohlauf zu verlassen. „Im Karate geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, wie man nicht verliert“, sagte Meister Funakoshi. Diese Haltung beschreibt verantwortungsvolle Selbstverteidigung treffend. Es geht nicht um Dominanz oder Vergeltung, sondern um Selbstschutz.

 

Aber: Wissen allein reicht nicht. Es muss verinnerlicht werden. Wie bei Erste-Hilfe-Kursen oder Sicherheitstrainings in Industriekonzernen gilt: Nur die regelmäßige Wiederholung bringt Wissen ins Unterbewusstsein – dorthin, wo es im Ernstfall abrufbar ist. Ohne Wiederholung wird es vergessen und geht verloren. Training schafft Routine, reduziert Panik und erhöht Handlungssicherheit. Es verändert zudem die Ausstrahlung: Haltung, Blick, Präsenz. All das wirkt präventiv auf den eigenen Charakter– oft stärker als jede Technik.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich jeder Mensch einmal ernsthaft mit sich selbst und mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen sollte. Nicht mit einmaligen Aktionen oder Kursangeboten, um das eigene Gewissen zu besänftigen, sondern mit ernstgemeinten Fragen:

 

  1. Wer bin ich? Was kann ich gut? Welche sind meine Schwächen?

  2. Wie wirke ich auf andere? Was sollte ich ggfs. ändern?

  3. Wie würde ich mich in brenzligen Situationen verhalten? (Notfallpläne im Kopf)

  4. Wovor habe ich Angst und kann ich diese Ängste lösen?

  5. Wäre ich in der Lage mich zu schützen oder zu wehren?

 

Diese Fragen verhelfen zu echten Antworten, oft zu unangenehmen. Aber genau diese unangenehmen Antworten verhelfen zu persönlichem Wachstum. Wie sagt es sich so schön: Machen ist krasser, als wollen. Wie es das sechsjährige Mädchen bewiesen hat, angewandtes Wissen ist Macht und kann Leben retten. Das internationale Not- und Hilfezeichen ist eine einfache Geste, die sinnbildlich für moderne Selbstverteidigung steht: leise, wirksam, universell.

 

Gerade für Kinder, Teenager und junge Erwachsene sehe ich es als besonders wichtig an, sicherheitsrelevante Themen immer wieder zu durchleuchten. Zunächst Themen wie Verhalten im Straßenverkehr, Umgang mit Fremden, „Nein“ und „Stop“ zu sagen, Respekt vor Naturgesetzen und Elementen wie Wasser, Sand, Höhe und später dann Kommunikation, Drogen- und Suchtprävention mit Trinkverhalten, Umgang mit modernen Schönheitsidealen, Social Media Kontrolle usw.. Hier möchte ich noch auf etwas sehr wichtiges Hinweisen. Viele verwechseln Verzicht, bewusste Entscheidungen oder ein „Nein“ mit Spaßverlust. „Du bist eine Spaßbremse!“, hört man doch immer wieder – dabei geht es gerade darum. Denn Sicherheit bedeutet nicht, den Spaß zu verlieren. Sicherheit bedeutet, ihn unbeschadet zu behalten.

 

Mit Blick auf den bevorstehenden Rosenmontag wünsche ich allen Besuchern vor allem eines: Freude, Spaß, Lachen, eine tolle Zeit und noch besseres Wetter und natürlich jede Menge Bonbons. In diesem Sinne: „Marn´ hol fast!“. Vor diesem Hintergrund noch ein paar simple Tipps für solche und ähnliche Veranstaltungen.

 

Tipps für Kids (und Eltern)

  • Immer bei Mama und Papa und in Sichtweite bleiben

  • Treffpunkte vereinbaren und Absprachen einhalten

  • bei Trennung von den Eltern Feuerwehr oder Polizei ansprechen

  • Notzeichen mit Wort, Mimik und Gestik kennen und nutzen

  • nur (verpackte) Süßigkeiten essen, die Mama und Papa „freigegeben“ haben

  • Nichts von Fremden annehmen (nur bei „Ok!“ von Mama und Papa)

  • Wichtig: verkleidete Personen sind alle erstmal fremde Personen

 

Für Teenager und (junge) Erwachsene

  • immer in Gruppen (Freunde, Familie) unterwegs sein

  • niemand geht allein nach Hause

  • Treffpunkte vereinbaren und Absprachen einhalten

  • Aufmerksam bleiben, das Umfeld beobachten und Situationen „lesen“

  • Notzeichen mit Wort, Mimik und Gestik kennen und nutzen

  • nur eigene Getränke trinken, verschließen und „im Blick haben“

  • Alkohol-Limit setzen und strikt einhalten

  • an Orten aufhalten, die du kennst und mit Leuten umgeben, denen du vertraust

  • und zuletzt: Nein heißt Nein! Respektiere das!