Herzberg’s Wort –

Reichtum neu gedacht

Was ist ein reicher Mensch? Diese Frage scheint leicht zu beantworten. Viele denken sofort an große Häuser, schnelle Autos, teure Uhren oder beeindruckende Kontostände. Wir leben in einer Zeit, in der Reichtum fast ausschließlich materiell definiert wird.

Erst vor kurzem, am 12. Juni 2026, wurde Elon Musk mit dem Börsengang von SpaceX zum ersten Billionär der Geschichte – also zum Besitzer eines Vermögens von mehr als eintausend Milliarden US-Dollar. Musk selbst hat in der Vergangenheit mehrfach erklärt, er sei eher „cash poor“, also arm an liquiden Mitteln. Es lägen, so Musk, lediglich rund 0,1 Prozent seines Vermögens tatsächlich als frei verfügbares Geld auf seinen Konten. Das wären in seinem Fall immer noch mehr als eine Milliarde US-Dollar. Da muss ich zugegeben etwas schmunzeln.

Ich persönlich bewundere die Fähigkeiten und den außergewöhnlichen Geschäftssinn von Elon Musk. Wer Unternehmen wie SpaceX, Tesla oder PayPal aufbaut und ganze Branchen verändert, verdient Respekt für seine unternehmerische Leistung und seine Visionen. Als Menschen kann und möchte ich Elon Musk jedoch nicht beurteilen, denn ich kenne ihn nicht persönlich. In meinen Augen etwas, das in Deutschland oft viel zu schnell geschieht: Menschen werden nach Äußerlichkeiten bewertet oder gar verurteilt, obwohl man sie gar nicht kennt. Aber das ist ein anderes Thema.

Das Thema Musk führt mich vielmehr zu einer Frage, die ich noch spannender finde als die nach seinem Vermögen: Ist ein Mensch allein deshalb reich, weil er Billionär ist? Oder ist wahrer Reichtum vielleicht etwas ganz anderes?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Geld ist wichtig. Es schafft Sicherheit, eröffnet Möglichkeiten und kann das Leben angenehmer machen. Ich selbst bin Unternehmer und habe überhaupt kein Problem damit, wenn Menschen wirtschaftlich erfolgreich sind – im Gegenteil. Unternehmertum schafft Arbeitsplätze, Innovationen und Wohlstand und trägt dazu bei, unseren Sozialstaat zu finanzieren.

Doch ich finde es schade, dass Erfolg so häufig nur an Zahlen gemessen wird. Wenn jemand ein großes Unternehmen aufgebaut hat, lautet die erste Frage meist: „Wie viel Umsatz macht er?“ oder „Wie groß ist sein Vermögen?“ Nur selten höre ich Sätze wie: „Wie vielen Menschen hat er geholfen?“ oder „Wie viele Arbeitsplätze hat sie geschaffen, damit Familien davon leben können?“ Noch seltener fragen wir: „Wie viel Gutes hat dieser Mensch für die Umwelt getan? Wie viele Menschen hat er inspiriert?“ Dabei sind das doch die viel spannenderen Fragen.

Ich bin der Meinung, echter Reichtum hat viele Gesichter. Ein Mensch kann reich sein an Zeit, an Freundschaften, an Gesundheit, an Wissen oder an Liebe. Wir sollten anfangen, unseren Kontostand nicht nur in Euro zu messen, sondern auch in einer Art philanthropischer Währung – also daran, was wir für andere bewirken und welchen Beitrag wir für die Gesellschaft leisten.

Vor einigen Jahren bin ich auf die Geschichte von Jadav Payeng gestoßen. Ehrlich gesagt hatte ich bis dahin noch nie von ihm gehört. Als junger Mann begann Payeng auf einer kahlen Sandbank in Indien Bäume zu pflanzen, einen nach dem anderen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Aus dieser scheinbar kleinen Idee entstand über Jahrzehnte ein riesiger Wald, in dem heute Elefanten, Nashörner, Tiger und viele weitere Tierarten leben.

Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, war ich zutiefst bewegt. Ich kaufte meinem Sohn das Bilderbuch „Ein Junge, der einen Wald pflanzte“, das diese Geschichte erzählt. Ich wollte ihm zeigen, dass ein einzelner Mensch die Welt verändern kann – nicht durch Geld oder Macht, sondern durch Ausdauer, Überzeugung und dem Wunsch, etwas Gutes zu bewirken. Ich wünsche mir, dass meine Kinder durch solche Geschichten inspiriert werden und selbst Lust bekommen, etwas zu bewegen.

Ein weiteres Beispiel ist Johan Eliasch. Als erfolgreicher Unternehmer hätte er sein Vermögen ausschließlich vermehren können. Stattdessen engagiert er sich seit vielen Jahren für den Schutz der Regenwälder und investiert große Summen in den Erhalt dieser einzigartigen Ökosysteme. Auch hier zeigt sich für mich eine andere Form von Reichtum: die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und seine Möglichkeiten zum Wohl anderer einzusetzen.

Und ehrlich gesagt kenne ich einige Menschen, die finanziell sehr wohlhabend sind und ihren Besitz dafür nutzen, anderen das Leben leichter, schöner oder lebenswerter zu machen. Deshalb geht es mir nicht darum, Geld schlechtzureden. Ich glaube vielmehr, dass wir die falsche Frage stellen. Nicht: „Wie reich ist jemand?“ Sondern: „Was macht ihn reich?“

Sind es die Zahlen auf dem Konto, die Immobilien, die Autos und die Statussymbole? Oder sind es die Menschen, denen er geholfen hat, die Bäume, die sie gepflanzt hat, die Kinder, die inspiriert wurden, die Mitarbeiter, die eine Perspektive bekommen haben, die Familie, für die jemand da war? Für mich gehört beides dazu. Natürlich ist finanzieller Erfolg etwas Positives. Aber genauso wahr ist, dass wir mit wenigen finanziellen Mitteln Reichtum erleben können.

Ich glaube, wir brauchen in unserer Gesellschaft neue Vorbilder. Nicht weniger Unternehmer und auch nicht weniger Erfolg, sondern mehr Menschen, die ihren Erfolg dafür nutzen, etwas zurückzugeben. Denn am Ende wird vermutlich niemand auf seinem Sterbebett liegen und sagen: „Ich wünschte, ich hätte noch ein größeres Auto gekauft.“ Viel wahrscheinlicher ist doch: „Ich bin dankbar für die Zeit mit meiner Familie. Ich bin stolz auf die Menschen, die ich unterstützen durfte. Ich habe mein Bestes gegeben, etwas Gutes zu hinterlassen.“

Reichtum ist nicht gleich Besitz. Reichtum ist die Fähigkeit, etwas zu hinterlassen, das größer ist als man selbst: eine Idee, einen Wald, gesättigte Bäuche, glückliche Augen, erfüllte Herzen oder die Erinnerung daran, einfach ein guter Mensch gewesen zu sein. In diesem Sinne beende ich diese Kolumne mit meinem Lieblingszitat: „Be the change you want to see in the world.“ (Mahatma Gandhi) Das sollten wir unseren Kindern und der nächsten Generation mit auf den Weg geben. Denn Menschen, die nur Geld bewundern, werden immer nach mehr Geld streben. Menschen aber, die die Wirkung bewundert, werden versuchen, selbst die Ursache für etwas Gutes zu sein.